Wer ist Keinkauf e.V. ?
Die Gesichter eines Brühler Vereins für nachhaltig orientierte Menschen
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- hochgeladen von Susanne Bourier
Heute: Valeria Aebert, 62, Engagementsförderin bei der katholischen Kirche St. Margaretha in Brühl. Im Auftrag der Gemeinde unterstützt sie Gruppen, Initiativen und einzelne Menschen, die sich sozial, gesellschaftlich und ökologisch engagieren wollen. Und einen Ort dafür suchen.
Wir treffen uns im großen Saal des margarethaS, des Begegnungszentrums der Kirchengemeinde. Durch große vertikale Fenster strömt diffuses Winterlicht in den 4 Meter hohen Raum. Die holzvertäfelten Wände nehmen es matt schimmernd auf. Ein guter Ort, um miteinander zu sprechen. Valeria ist bei Keinkauf e.V. von Anfang an dabei.
Vor etwa 5 Jahren hörte sie von der Idee eines Vereins für nachhaltig orientierte Menschen und unverpackte Bio-Lebensmittel. Super, habe sie gedacht, genau das will ich! „Keinkauf macht mein Leben einfacher,“ sagt die Frau mit den warmen Haselnuss-Augen. „Denn da sind ja vertrauenswürdige Menschen, die für mich jede Woche genau prüfen, was ist gerade an frischen Produkten auf dem Markt? Welches Obst, welches Gemüse hat verlässlich biologisch geprüfte Qualität? Und was ist saisonal und regional gerade gut zu bekommen?“ Die „vertrauenswürdigen Menschen“ sind die Keinkauf-Mitglieder des sogenannten Frische-Teams. Sie checken das wöchentliche Obst- und Gemüseangebot verschiedener Anbieter, wählen die besten Produkte aus und bestellen je nach Nachfrage. Für Valeria Aebert ein überaus praktisches Angebot: „Ich muss also nicht endlose Reihen im Supermarkt entlanglaufen“, sagt sie, „und mich dann noch zwischen 10 Gemüsesorten entscheiden. Meinen wöchentlichen Gemüseeinkauf erledige ich auf der online-Seite von Keinkauf in 4 Minuten.“ Sie lächelt: „Super finde ich das“.
Alle Mitglieder von Keinkauf e.V. packen mit an bei in den verschiedenen Bereichen. Natürlich auch Valeria. Gesetzt sind 3 Stunden im Monat. Solidarisches Miteinander. Nur so lässt sich das Konzept des Vereins umsetzen. Valeria arbeitet in gleich zwei Teams: dem Abfüllteam und dem Bildungsteam. Letzteres entwickelt breit gefächerte Ideen für Workshops und Seminare zum Thema Nachhaltigkeit. Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit: Putzen ohne Chemie mit nur 5 natürlichen Basis-Zutaten wie etwa, Zitrone, Essig, Salz, Kernseife und Natron.Und sie ist im Abfüll-Team. Einmal im Monat treffen sich mehrere Keinkäufler*innen und füllen ab, was in großen Säcken und Kisten angeliefert wird: Reis, Nudeln, Lakritz- Schnecken, Salz, Weizenmehl, Roggenmehl, Dinkelvollkornmehl, Zimt, Puddingpulver, Gemüsebrühe, Pfeffer, Nelken, Puderzucker, Zucker, Vanillezucker, Honig, getrocknete Datteln…Rund 190 Produkte finden sich im Keinkauf Online-Shop. Natürlich alles Bio-Ware. „Mehl abzufüllen,“ grinst Valeria, „ist eher unbeliebt!“ Warum? „Das staubt so! Ständig muss man hinterher kehren. Und husten. Und niesen.“ Die lose Trocken-Ware landet in Gläsern mit Schraubdeckeln. Sie sind DAS Markenzeichen von Keinkauf e.V. Schließlich ist eins der zentralen Ziele, Verpackungsmüll zu vermeiden. Pro Glas zahlen die Mitglieder beim Abholen der bestellten Produkte 1 € Pfand. Das wird bei der Rückgabe erstattet, Gespült werden alle Gläser im Laden. So dreht sich ein immer währender Kreislauf an tausenden großer, mittlerer, kleiner und ganz kleiner Schraubgläser. Im November 2020 waren gut 1.000 Gläser am Start, inzwischen rotieren rund 4.000 Gläser unter aktuell 50 Mitgliedern des Vereins. So spart Keinkauf e.V. Jahr für Jahr Verpackung für Produkte im Wert von über 30 000 € ein. Ganz schön beeindruckend.
„Natürlich“, sagt Valeria, „bietet dieser Verein auch gute Gelegenheiten, andere Menschen kennen zu lernen. Die haben ähnliche Ziele wie ich, wissen aber bei bestimmten Themen mehr. Da kann ich also noch was lernen.“ Was gibt’s Besseres, als im Austausch zu lernen, zum Beispiel beim Thema „Konservieren von Lebensmitteln“? Oder mit ungewöhnlichen Gemüsesorten zu kochen. Apropos: Topinambur, ein Gemüse, das viele nicht kennen, erntet sie im eigenen Garten. Von dort hat sie einen etwas anderen Tipp. Sie wäscht Buntwäsche mit Efeu. Dessen Blätter enthalten Saponin, also seifenähnliche Bestandteile. 20 Blätter in einem Säckchen in die Waschtrommel geben und die Wäsche wird sauber, ganz ohne Chemie.
Bleibt die schlichte und doch umfassende Frage nach dem „Warum? Wozu?“, Valeria? Kurzes Nachdenken, Augen nach unten, Augen hoch, konzentrierter Blick unter grauen Locken: „Ich habe schon in den 80er Jahren verstanden, welche Grenzen unser Verhalten, unsere Gewohnheiten haben. Dass wir mit unserem Konsum nicht über unsere Verhältnisse leben können. Wir dürfen unsere Lebensgrundlagen nicht durch Verschwendung, Müll und Pestizide zerstören. Je älter ich werde, desto deutlicher wird mir, dass es längst nicht reicht, nur auf das persönliche Konsum- und Alltagsverhalten zu achten. Es braucht auch politische Rahmenbedingungen. Aber eine Initiative wie Keinkauf e.V. ist immerhin ein kleiner Beitrag, der Sinn und Freude macht.“
Valeria Aebert hofft, dass der Verein wächst: „Je mehr Menschen mitmachen, desto leichter ist die anfallende Arbeit zu bewältigen und desto vielfältiger werden die Aktivitäten und auch das Warenangebot. Außerdem sinkt dann der monatliche Vereinsbeitrag. Das ist wichtig, damit das Mitmachen nicht am Geldbeutel scheitert.“
Apropos Geldbeutel: Wer bei Keinkauf e.V. kauft, spart. Denn die übliche Gewinnspanne des Handels entfällt.
Denn Keinkauf e.V. ist ein gemeinnütziger Verein.
Eine Sorge bleibt. Keinkauf e.V. muss den schönen Laden in der Kirchstraße in Brühl verlassen. Neue, bezahlbare Räume sind nicht in Sicht. Wer also jemanden kennt, der jemanden kennt…60 trockene, ebenerdige Quadratmeter, mit Wasser, Strom, einem stillen Örtchen und genug Raumhöhe für Regale - das würde mindestens 50 Menschen glücklich machen. Ideen, Vorschläge, Angebote gerne an vorstand@keinkauf-bruehl.de
LeserReporter/in:Susanne Bourier aus Brühl |
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