80 Jahre Kriegsende - Teil 4
Zuerst Splitterregen, dann Bombenhagel

Plakate, Werbe- und Schulungsmaterialien sowie öffentlichen Vorführungen bereiteten die Bevölkerung auf Angriffe aus der Luft vor (links).
Vom Kölner Abwehrfeuer wurde am 12. August 1941 ein britischer Bomber getroffen. Er stürzte auf einem Feld in Frechen-Hücheln ab (rechts). | Foto: FGV/Archiv der Stadt Frechen
  • Plakate, Werbe- und Schulungsmaterialien sowie öffentlichen Vorführungen bereiteten die Bevölkerung auf Angriffe aus der Luft vor (links).
    Vom Kölner Abwehrfeuer wurde am 12. August 1941 ein britischer Bomber getroffen. Er stürzte auf einem Feld in Frechen-Hücheln ab (rechts).
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Für die Menschen in den heutigen Kreiskommunen begann der Schrecken des 2. Weltkriegs meist mit Angriffen aus der Luft. Wurden anfangs noch Aufklärungsflugzeuge gesichtet, waren es schon bald große Bomberverbände, die ihre tödliche Ladung über Köln und über Wirtschaftsstandorten und Verkehrsknotenpunkten im Rhein-Erft-Kreis abwarfen.

Von Lars Kindermann

Region. Aufgrund ihrer Lage und ihrer Nähe zur Großstadt Köln wurden die Kommunen im Rhein-Erft-Kreis schon früh im 2. Weltkrieg von feindlichen Aufklärungsflugzeugen und Bombern überflogen. Selten waren sie aber zunächst das Ziel der Maschinen.

„So war doch der Himmel darüber Schauplatz des Abwehrkampfes. Die einfliegenden Bomber gerieten hier in den Schussbereich des Flakgürtels um Köln“, schreibt Günther Kraushaar vom Frechener Geschichtsverein in seiner Veröffentlichung „Wenn alles in Scherben fällt“.

„Im Jahr 1941 wurde Köln mit 60 Angriffen zu einer der bevorzugten Zielstädte der Royal Airforce, nicht zuletzt wegen der relativ kurzen Flugstrecke und weil die Domstadt am Rhein in klaren Nächten gut zu finden war“, erklärt das Projektteam Hochbunker Köln auf seiner Internetseite.

Über Frechen gerieten die anfliegenden Flugzeuge in das Abwehrfeuer der Flugabwehrkanonen (kurz „Flak“ genannt), so dass die Bevölkerung häufig unter einem starken Splitterregen zu leiden hatte. Splitter, die am nächsten Tag von Schülern aufgesammelt und auf dem Schulhof bestaunt und getauscht wurden. Auch Luftkämpfe zwischen deutschen Jägern und feindlichen Flugzeugen konnten am Himmel beobachtet werden.

Bomben wurden über den Randkommunen anfangs meist nur dann abgeworfen, wenn angeschossene Flugzeuge sich ihrer gefährlichen und schweren Last entledigten, um den Rückflug zu überstehen. Einige gezielte Luftangriffe galten aber auch schon dem Braunkohlekraftwerk Fortuna in Oberaußem oder dem Industriestandort Knapsack.

Mit zunehmender Dauer des Krieges richteten sich die Luftangriffe auf beiden Seiten immer häufiger gegen zivile Ziele. Diese „neue Dimension der Kriegsführung“ hatte die deutsche Luftwaffe bereits zu Kriegsbeginn mit Flächenbombardements von Warschau, Rotterdam und London etabliert. Die Zahl der zivilen Opfer ging in die Tausende.

Im Jahr 1941 begannen die Bombardierung deutscher Industrieanlagen und Verkehrswege sowie groß angelegte Flächenangriffe auf deutsche Städte durch die Alliierten. In der Nacht vom 2. auf den 3. Juli 1941 wurden über Frechen mehr als 500 Brandbomben und 67 Sprengbomben abgeworfen. Zwei Menschen wurden getötet, sechs verletzt.

Gegen Köln wurde im Mai 1942 der erste „1.000-Bomber-Angriff“ geflogen. Mit insgesamt 1.455 Tonnen Bomben wurden in 90 Minuten über 3.300 Häuser vollständig zerstört und 474 Menschen getötet.
In dieser Nacht schlugen auch 38 Sprengbomben, 400 Phosphorbomben und über 3.000 Stabbrandbomben in Frechen ein. Die Steinzeugfabriken Cremer & Breuer und Rhenania brannten.

Auch Kerpen wurde immer häufiger das Ziel von Luftangriffen. „Die schrecklichen Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges forderten zahlreiche Opfer in der Zivilbevölkerung und zerstörten weite Teile der Ortschaften. Am Ende des Krieges war der Stadtteil Kerpen zu 42 Prozent zerstört“, teilt die Stadt Kerpen auf ihrer Internetseite mit.

Schnell zeigte sich, dass die eigenen Keller nicht genügend Schutz boten. Zunehmende Sprenglast und brennender Phosphor, der durch die Ritzem tropfte, machten sie zu tödlichen Fallen. Stattdessen wurden unterirdische Stollen angelegt und feste Betonbunker gebaut. Unter dem St. Katharinen-Hospital in Frechen entstand sogar ein Stollen mit Operationssaal, so dass bei Gefahr die Kranken mit einem Lift nach unten transportiert werden konnten.

Die Intensität der britischen Luftoffensiven steigerte sich 1943 mit dem verstärkten Einsatz von Sprengbomben und Luftminen. Im Februar wurde Frechen schwer getroffen: „8.000 Stabbrandbomben und 1.000 Phosphorbomben regneten vom Himmel und erzeugten 14 Großfeuer. Die Kirchturmkuppel der evangelischen Kirche brannte ab“, schreibt Günther Kraushaar. Mehrere Menschen kamen ums Leben. Darunter auch Isabella Erwig, die mit ihrer Familie das Gut Haus Vorst bewirtschaftete. Beim Löschen ihres Hühnerstalls wurden sie und ein polnischer Kriegsgefangener, zusammen mit 20 Pferden, von einer Luftmine zerfetzt.

„Köln erlitt in diesem Jahr 39 Bombenangriffe, davon acht schwere wie den verheerenden Großangriff am 29. Juni 1943 mit über 4.000 Toten“, schreibt das Hochbunker Köln-Team. Da die Angriffe am katholischen Feiertag „Peter- und Paul“ stattfanden, ging dieser schlimmste aller Luftangriffe über Köln als „Peter- und Paul-Angriff“ in die Geschichte ein. An diesem Tag wurde auch das Oberleitungsnetz der Frechener Straßenbahn zerstört. Die Linie F musste fortan mit einer Dampflok fahren.

Die Angriffe auf die Energieversorgung im Kreis nahmen zu. Am 28. Oktober 1944 nahmen alliierte Bomber das Knapsacker Industriezentrum ins Visier. 138 Sprengbomben trafen das Werk und zerstörten es zu rund 80 Prozent. 47 Menschen kamen bei den Angriffen um. Von den zwölf Schornsteinen, im Volksmund „die zwölf Apostel“ genannt, stürzte einer um.

Am 31. Oktober 1944 wurde Efferen zu 90 Prozent zerstört. „Die Straßen waren in größter Unordnung und ein Abholen der Leichen am Sterbeort wegen der Angriffe und Zerstörung nicht möglich. Da habe ich zu meinen Pfarrkindern gesagt: Ihr bringt die Leichen zur Kirche, ich segne sie dort und begleite sie zum Friedhof“, zitiert das Stadtarchiv Hürth den damaligen Pfarrer der Gemeinde Efferen, Wilhelm Halfen.

Auch der Angriff auf ein vorübergehend in Elsdorf untergebrachtes Fallschirmjäger-Regiment im Herbst 1944 forderte viele Todesopfer. „Viele Einwohner Elsdorfs sind getötet, verschüttet oder verwundet worden, auch Angehörige meines Regiments waren unter den Opfern“, erinnert sich ein ehemaliger Unteroffizier in der Veröffentlichung „Bombenangriff auf Elsdorf“ von Dietmar Kinder. Die Kirche, in der viele Menschen Zuflucht gesucht hatten, wurde von mehreren Bomben getroffen. Bei dem Luftangriff starben 62 Elsdorfer Bürger und eine nicht bekannte Zahl an Soldaten.

Am 28. Dezember 1944, gegen 13 Uhr gingen Brand- und Sprengbomben über Brühl nieder. 182 Menschen verloren ihr Leben.

Im Luftabwehrkampf wurden auch immer wieder Flugzeuge über dem Kreis abgeschossen. Ein britischer Bomber stürzte im August 1941 auf einen Acker in Hücheln. Im April 1942 landeten zwei britische Piloten bei der Grube Schallmauer mit ihren Fallschirmen, wurden festgenommen und auf die Polizeiwache gebracht.
Ein weiteres Flugzeug ging am Waldrand nahe der alten Aachener Straße nieder. „Alle Besatzungsmitglieder waren tot. Ich habe am nächsten Tag selbst das Wrack und noch Leichenteile wie einen Stiefel mit Bein gesehen“, erinnert sich Fritz Poulheim in den von Dr. Paul Stelkens zusammengestellten Zeitzeugenberichten. Im Februar 1944 stürzte eine deutsche Jagdmaschine über dem Kraftwerk Fortuna ab. Der Pilot kam ums Leben.

Am 15. Oktober 1944 schoss die Flak über Frechen eine amerikanische B-17 „Flying Fortress“ ab. Das viermotorige, brennende Flugzeug stürzte in die Gärten einer Siedlung, explodierte und verwüstete die Häuser ringsum. Eine weitere B-17 ging am gleichen Tag auf einem Acker in Königsdorf nieder. „Bei der Landung des Bombers wurden auf der Weide Kühe und Pferde getötet. Das Flugzeug rutschte auf der unbebauten Fläche in Richtung Schule. Dann stieß es mit der linken Tragfläche an das vor der Schule stehende Toilettenhäuschen, erhielt dadurch eine Linksdrehung und prallte deshalb auf das Wohnhaus Brücken. Der Bomber explodierte, das Haus wurde vollständig zerstört“, berichtete Professor Dr. Paul Stelkens vor 21 Jahren in einem Vortrag zu den Ereignissen im Stadtarchiv Frechen. In dem Haus starben Agnes Brücken (56 Jahre), ihre Kinder Franziska (25 Jahre) und Jakob (13 Jahre), sowie Feuerwehrhauptmann Adam Poulheim (42) Jahre), Feuerwehrhelfer Helmut Krull (15) und Gertrud Meusch (44). Einer der ersten Feuerwehrhelfer am Unglücksort erinnerte sich später in den Zeitzeugenberichten von Dr. Stelkens: „In den Bäumen hingen Fetzen, auch die roten Haare von Franziska Brücken.“

Weitere Bombenangriffe mit Toten und Verletzten folgen und mit den näher rückenden US-Truppen nahmen auch die Angriffe der tieffliegenden Jagdmaschinen zu, die mit ihren Bordwaffen Jagd machten auf bewegliche Ziele wie Fahrzeuge und Personen. Dabei wurde auch ein Lastwagen mit ukrainischen Zwangsarbeiterinnen auf der Brauweiler Straße beschossen. „Ihre deutsche Bewachung hat sich in einer nahe gelegenen Flakstellung in Sicherheit gebracht. Sieben Frauen sind getötet worden“, erinnert sich Zeitzeuge Fritz Poulheim.

Redakteur/in:

Lars Kindermann aus Rhein-Erft

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